Empfehlenswerte Literatur

Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen (1975). Hamburg 1996


Besprechung von Hanns Frericks, Stuttgart (30.3.2022)


Ein Jahrhundertroman über das Leben im KZ: Ein 14jähriger Jude wird 1944 von Budapest nach Auschwitz, nach einigen Tagen weiter nach Buchenwald deportiert, erlebt ein Jahr später die Befreiung und kehrt zurück nach Budapest. Ein Jugendlicher erlebt, wie das KZ zum normalen Alltag werden kann. Imre Kertesz hat 15 Jahre an diesem Buch gearbeitet. Warum so lange? Was war das Ziel?

Ich zitiere zunächst aus der Verlagswerbung. „Was macht diesen Roman über Auschwitz und Buchenwald so anstößig? Ist es der unschuldige und optimistische Ton des jüdischen Jungen, der seine Deportation als Aufbruch ins Unbekannte und die Ankunft in Auschwitz als groteskes Spektakel erzählt? Liegt die Blasphemie darin, dass er bereitwillig die Logik des Lagers erprobt – ein gelehriger Schüler, der seine Sache möglichst gut machen will?“ Kertesz hat offenbar Jahre nach dem richtigen Ton gesucht und nennt zwei literarische Vorbilder: In Thomas Manns Zauberberg findet er „ein Grundproblem […], das nicht vom Denker oder Künstler aufgeworfen wird, sondern von unserem bitter-düsteren und gefasst-langweiligen, trotzigen Aufenthalt hienieden, unserer Anwesenheit im Leben.“ Es ist die Atmosphäre des Zauberbergs, die „gefährliche Lust am Verwesen“, die Alltäglichkeit des Sterbens, die sein Ich-Erzähler im KZ und an sich selbst erlebt. Von Camus‘ Der Fremde übernimmt er den naiven Ton, hier des jugendlichen Gleichmuts, der neugierig offenen Anpassungsbereitschaft seines Protagonisten und Ich-Erzählers. Ich zitiere wieder mit Irisch Radisch aus dem Journal Heimweh nach dem Tod: „In der kindlichen, infantilen Sicht selbst wurzeln die Möglichkeiten das auszudrücken, was ich zum Ausdruck bringen möchte: dass in der Welt nichts anderes passiert, als dass wir eine Absurdität, nämlich das Leben selbst, als etwas Natürliches hinnehmen.“ Für den Ich-Erzähler sind die Begriffe der anderen, die das KZ nicht erlebt haben, „Hölle“ und „Grauen“ nicht nachvollziehbar; er beginnt  „einzusehen: über bestimmte Dinge kann man mit Fremden, Ahnungslosen, in gewissem Sinn Kindern nicht diskutieren, um es so zu sagen.“ (S. 271, wieder zurück in Budapest) Und weiter, in einer Abendstimmung in Budapest: „Es war die gewisse Stunde – selbst jetzt, selbst hier erkannte ich sie –, die mir liebste Stunde im Lager, und ein schneidendes, schmerzliches, vergebliches Gefühl ergriff mich: Heimweh. Alles war auf einmal wieder da und stieg in mir hoch, all die seltsamen Stimmungen, all die winzigen Erinnerungen überfielen, durchzitterten mich.“ Vor der Begegnung mit der Mutter: „Meine Mutter wartet auf mich […]. Ich erinnere mich, früher hatte sie den Plan, dass aus mir einst ein Ingenieur, ein Arzt oder dergleichen werde. Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch so werden, wie sie es wünscht, es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben  würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war.“ (S. 286f)

Darin liegt die Provokation des Romans, daraus erwächst seine Faszination, Kertesz feiert darin nicht etwa die Überlebensfähigkeit des Menschen unter grauenvollsten Bedingungen, so könnte man das Buch auch lesen, er möchte darin offenbar vielmehr die grenzenlose „Biegsamkeit“ des modernen Menschen markieren, seine Fähigkeit und Reduktion auf reines Funktionieren. Das Heimweh nach dem Tod macht dies, so Radisch,  noch einmal   ganz klar.

Imre Kertész: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind. (1990) Reinbek 1999

Besprechung von Hanns Frericks, Stuttgart (30.4.2022)


Hintergrund ist der Roman eines Schicksallosen von 1975. Aus dem vermeintlich oder zumindest zunächst naiv jugendlichen Ich-Erzähler ist der Schriftsteller B. geworden, er konzentriert sich in seinem erinnernden Monolog jetzt

•    auf die Sozialisation im Internat und danach bei seinem Vater, strukturell empfunden als Autoritätsdiktatur in zwei Varianten – identisch aber mit dem Erleben und der Herrschaftsstruktur im Lager,

•    auf die Prägung durch das Lagerleben, was etwa die grundsätzliche Weigerung angeht, Eigentum, gar Wohneigentum zu erwerben, ferner ein grundsätzliches „Fremdheitsgefühl“, identitäre Unsicherheit und Ungewissheit, reflektiert in konsequenten und quälenden Selbstanalysen,  

•    auf das Judentum, das der vormaligen Ehefrau und vor allem das eigene Judentum in seiner Brüchigkeit, Fragwürdigkeit – und Holocaust-Eindeutigkeit, Celans Todesfuge ist das Leitmotiv, zumal das Grab in den Lüften, 

•    auf die Unmöglichkeit weiterzuleben, oder anders, ein Leben als Schreiben, als Relflexion  mit dem Ziel der „Selbstliquidierung“ 

•    und schließlich auf die Unmöglichkeit, sich zu reproduzieren, ein Kind zu zeugen: Der Monolog hat dieses Kind als Adressaten „Dein Nicht-Sein als notwendige und radikale Liquidierung meines Daseins“ (S. 94). Kaddisch, ursprünglich ein Lobgebet Gottes, mutierte zum Totengebet, tieftraurig und hymnisch zugleich, gelegentlich dialektisch gesteigert zur Anklage Gottes – dies ist hier der Fall.


Formal ein Monolog ohne Absätze, inhaltlich durchaus strukturiert: Ein Schriftsteller gibt sich schreibend, erinnernd Rechenschaft über sich und sein Leben als Kette von Zufällen und Entscheidungen gleichermaßen. Ein Schriftsteller: Kursiv sind hervorgehoben die zahlreichen literarischen Zitate, Zitate und Anspielungen auch auf Schopenhauer, Nietzsche und Wittgenstein, auf bekannte Fotografien. 

Bezugshorizont des Monologs scheint Thomas Bernhard, ausdrücklich zweimal auch genannt: Endlossätze, Wiederholungen, dialektisch komplexe Argumentationen und Reflexionen, gelegentlich – wie bei Bernhard – ermüdend langwierig, selbst Bernhards „naturgemäß“ taucht auf. Die Gemeinsamkeiten beziehen sich auch auf die Figur des Ich-Erzählers – ein Unsympath,  offen, meint selbst zugestanden: unaufhaltsam geschwätzig, er spricht von „Redezwang“, egoman, unduldsam, überspannt rational bis zur letzten Konsequenz.


Alles in allem: ein Reflexionsroman von Rang, sprachlich überzeugend ohne Schwachpunkt, gelegentlich in der Tat anstrengend, indes lohnt es sich, diesen Reflexionszwängen Satz für Satz zu folgen. Das jüdische Überleben von Lagerhaft vor dem Hintergrund der Shoa wird in aller Konsequenz und Unnachgiebigkeit reflektiert; die Welt ist danach nicht mehr die zivilisierte Welt, sondern zutiefst, religiös formuliert, vom Unheil geprägt. Assoziativ legt sich nahe Hans Jonas‘ kleine Schrift Der Gottesbegriff nach Auschwitz. 

Es ist dieser Roman auch eine Antwort auf die Frage nach den Gründen für den  Freitod von Menschen, die den Holocaust überlebt haben, z. B.  Tadeusz Borowski, Jean Amery oder Bogdan Wojdowski .

Imre Kertész: Liquidation. Frankfurt/M 2003. 142 S.  Aus dem Ungarischen übersetzt von Laszlo Kornitzer und Ingrid Krüger.

Besprechung von Hanns Frericks, Stuttgart (30.4.2022)


Hintergrund ist der Roman eines Schicksallosen von 1975. Aus dem vermeintlich oder zumindest zunächst naiv jugendlichen Ich-Erzähler ist der Schriftsteller B. geworden, er konzentriert sich in seinem erinnernden Monolog jetzt

•    auf die Sozialisation im Internat und danach bei seinem Vater, strukturell empfunden als Autoritätsdiktatur in zwei Varianten – identisch aber mit dem Erleben und der Herrschaftsstruktur im Lager,

•    auf die Prägung durch das Lagerleben, was etwa die grundsätzliche Weigerung angeht, Eigentum, gar Wohneigentum zu erwerben, ferner ein grundsätzliches „Fremdheitsgefühl“, identitäre Unsicherheit und Ungewissheit, reflektiert in konsequenten und quälenden Selbstanalysen,  

•    auf das Judentum, das der vormaligen Ehefrau und vor allem das eigene Judentum in seiner Brüchigkeit, Fragwürdigkeit – und Holocaust-Eindeutigkeit, Celans Todesfuge ist das Leitmotiv, zumal das Grab in den Lüften, 

•    auf die Unmöglichkeit weiterzuleben, oder anders, ein Leben als Schreiben, als Relflexion  mit dem Ziel der „Selbstliquidierung“ 

•    und schließlich auf die Unmöglichkeit, sich zu reproduzieren, ein Kind zu zeugen: Der Monolog hat dieses Kind als Adressaten „Dein Nicht-Sein als notwendige und radikale Liquidierung meines Daseins“ (S. 94). Kaddisch, ursprünglich ein Lobgebet Gottes, mutierte zum Totengebet, tieftraurig und hymnisch zugleich, gelegentlich dialektisch gesteigert zur Anklage Gottes – dies ist hier der Fall.


Formal ein Monolog ohne Absätze, inhaltlich durchaus strukturiert: Ein Schriftsteller gibt sich schreibend, erinnernd Rechenschaft über sich und sein Leben als Kette von Zufällen und Entscheidungen gleichermaßen. Ein Schriftsteller: Kursiv sind hervorgehoben die zahlreichen literarischen Zitate, Zitate und Anspielungen auch auf Schopenhauer, Nietzsche und Wittgenstein, auf bekannte Fotografien. 

Bezugshorizont des Monologs scheint Thomas Bernhard, ausdrücklich zweimal auch genannt: Endlossätze, Wiederholungen, dialektisch komplexe Argumentationen und Reflexionen, gelegentlich – wie bei Bernhard – ermüdend langwierig, selbst Bernhards „naturgemäß“ taucht auf. Die Gemeinsamkeiten beziehen sich auch auf die Figur des Ich-Erzählers – ein Unsympath,  offen, meint selbst zugestanden: unaufhaltsam geschwätzig, er spricht von „Redezwang“, egoman, unduldsam, überspannt rational bis zur letzten Konsequenz.


Alles in allem: ein Reflexionsroman von Rang, sprachlich überzeugend ohne Schwachpunkt, gelegentlich in der Tat anstrengend, indes lohnt es sich, diesen Reflexionszwängen Satz für Satz zu folgen. Das jüdische Überleben von Lagerhaft vor dem Hintergrund der Shoa wird in aller Konsequenz und Unnachgiebigkeit reflektiert; die Welt ist danach nicht mehr die zivilisierte Welt, sondern zutiefst, religiös formuliert, vom Unheil geprägt. Assoziativ legt sich nahe Hans Jonas‘ kleine Schrift Der Gottesbegriff nach Auschwitz. 

Es ist dieser Roman auch eine Antwort auf die Frage nach den Gründen für den Freitod von Menschen, die den Holocaust überlebt haben, z. B.  Tadeusz Borowski, Jean Amery oder Bogdan Wojdowski .

Bogdan Wojdowski: Brot für die Toten. Göttingen 2021

Besprechung von Hanns Frericks, Stuttgart (11.2.2022)


Es ist keine leichte Lektüre, gelegentlich eine Zumutung, literarkritisch gesehen wohl auch einer Kürzung fähig (424 Romanseiten). Gleichwohl:

Ich zitiere aus dem Klappentext: „Bogdan (eigentlich David) Wojdowski wurde 1930 in Warschau geboren. Ab November 1940 musste die Familie im Getto leben. Im August 1942 entkam David mit seiner Schwester Erena dem Massenmord der „Aktion Reinhardt“ durch Flucht. Die Eltern wurden in Treblinka ermordet. Er versteckte sich – nun als Bogdan – im arischen Teil Warschaus und in umliegenden Dörfern. 1949 legte er das Abitur ab, dann studierte er polnische Philologie. 1971 erschien sein Opus Magnum, der Roman Chleb rzuceny umarmlym (Brot für die Toten), der als  bedeutendstes Werk der polnischen Holocaust-Literatur gilt. Am 19. April 1994 nahm sich Bogdan Wojdowski in Warschau das Leben.“


Zwei Gründe legen in meiner Sicht die Lektüre nahe:


Abschließend blättere ich ihn noch einmal durch und zähle – unsystematisch – nur mehr auf, was mich beeindruckt hat (hilfreich wären Textbelege, aber das sprengt diesen Rahmen).

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