Kritiken zu „30 Jahre JONTEF“

Seit dreißig Jahren Festtag gefeiert

Kleinkunst Jontef gastierte im Rottenburger Theater Hammerschmiede.

Zum Jubiläum eine Frage nach der Zukunft: Wos wet sajn?

Seit 30 Jahren spielt das Quartett Jontef (im Jiddischen ein Begriff für den fröhlich gefeierten Festtag)

zusammen und hat fürs Jubiläum eine neues Programm mit jiddischen Liedern, Klezmer-Instrumentaltiteln und

Anekdoten zusammengestellt unter dem die Zukunft befragenden Titel "Wos wet sajn?" (Was wird sein?). Was

sein wird, wenn der Messias denn käme, malen sich einfache Chassidim (fromme, zugleich für ihre Lebenslust

und Liebe zur Musik bekannte osteuropäische Juden) aus: "Es wird eine herrliche Welt sein... auf den Bäumen

werden saftige Früchte wachsen...die Blätter werden türkischer Tabak sein...und wir die Chassidim werden sie

rauchen dürfen..."

Frohgestimmt lächelnd ob solcher Aussichten, verzückt fast, sang Michael Chaim Langer (Gesang und

Schauspiel) diese Verse, deutete einen kleinen Freudentanz an. Joachim Günther (Klarinette und Akkordeon),

Wolfram Ströle (Violine und Gitarre) und Peter Falk (Kontrabass) sangen hier einige Zeilen mit, verkörperten

den Chor der frohlockenden Chassidim.

Jontef ist den besten Klezmer-Gruppen instrumentaltechnisch ebenbürtig, übertrifft sie aber durch den

Abwechslungsreichtum im Repertoire. Arrangeur Joachim Günther schreibt raffinierte Instrumentalsätze: Da

geht der Kontrabass parallel mit der Klarinette, wird passend zum Lied die Violine mit der Gitarre ausgetauscht,

werden waghalsig, aber gelungen Blues-Harmonien und Klezmer-Melodik kombiniert. Einmal lässt Jontef sogar

hören, wie Klezmer im frühen 19. Jahrhundert in einem weit abgelegenen Schtetl mag geklungen haben, wenn

wenig versierte Musikanten aufspielten, der Bass sich auf simple Begleitfiguren beschränkte und die Klarinette

ihre Skalen in etwas gemächlicherem Tempo absolvierte.

Unerschöpflich scheint der Vorrat an jiddischen Liedern, Anekdoten und Witzen zu sein: Selten muss sich Jontef

wiederholen, obwohl man manches Lied aus ihren Programmen der vergangenen 30 Jahre gern wiederhören

würde - Lieder um die Figuren "Todie, der Schelm, und Leiser, der Geizhals" oder aus dem unterhaltsamen,

zudem literaturgeschichtlich verdienstvollem Programm zu Ehren des Literatur-Nobelpreisträgers Isaak B.

Singer, "Weiber, Wahnsinn und Dämonen".

Von Lebenslust, Liebesglück- und Kummer handeln einige Lieder im aktuellen Programm und Sänger Langer

lässt die besondere Eigenart und den besonderen Charme der Texte auch mimisch und gestisch, halb-szenisch

sozusagen, lebendig werden. In "Unter a klajn bejmele" (Unter einem kleinen Bäumchen) erliegen zwei

Heranwachsende den Reizen eines Mädchens, vergessen ihre Pflichten, werden deshalb geprügelt - dank des

emphatischen Vortrags von Langer und der intensiven musiklaischen Begleitung gehört ihnen die Sympathie

der Hörerinnen und Hörer.

Damit nicht die pure Nostalgie herrscht, baut Jontef Gegengewichte ein, Anekdoten und Witze, die Langer so

virtuos vorträgt wie etwa Fritz Muliar österreichische und böhmische Gschichtln. Der Frage, warum "die Juden

so intelligent" seien, wird nachgegangen. Es wird eine Variante zur Ankunft des Messias erzählt, die ganz

zeitgenössisch per WhatsApp angekündigt wird. Außerdem, warum ausgerechnet ein jüdischer Schüler die

Frage eines christlichen US-amerikanischen Schulinspektors nach dem wichtigsten Menschen, der je gelebt hat,

richtig mit "Jesus" beantwortet.

Im ausverkauften Theater in der Hammerschmiede gab Jontef nach gut zwei Stunden und starkem Applaus

eine Zugabe und Joachim Günther berichete dem Publikum, dass es eine richtige Entscheidung getroffen habe:

"Die nächste Vorstellung, am 4. Mai in Tübingen, ist nämlich jetzt schon ausverkauft.

Jontef. Archivbild

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